Die Dualität der Erinnerungen ist ein Konzept, mit dem Menschen seit jeher konfrontiert werden, seit unsere Gehirne zum ersten Mal mit einem Hauch von Kohärenz funktionierten. Unsere Erinnerungen dienen als Speicherbank, in der wir einzigartige Lebenserfahrungen sammeln, die uns zu unverwechselbaren Individuen formen – zum Guten oder zum Schlechten. Bei seinem dritten Besuch auf dem Filmfestival von Venedig innerhalb der letzten vier Jahre versucht der Regisseur Michel Franco, die letztgenannten, verletzlicheren Aspekte des zerebralen Speichers zu ergründen, der tief in unseren Schädeln verwurzelt ist.
Sylvia und Saul: Zwei Leben, geprägt von Erinnerungen
Die Figur Sylvia, gespielt von Jessica Chastain, wird zuerst als Alkoholikerin in Genesung vorgestellt, die man auf einem unkonventionell feierlichen Treffen der Anonymen Alkoholiker anlässlich ihres dreizehnten Jahrestags der Nüchternheit trifft. Sylvia führt ein routiniertes Leben, das aus dem Absetzen ihrer jugendlichen Tochter Anna (Brooke Timber) in der Schule, ihrer Arbeit als Betreuerin in einem Tagespflegezentrum für Erwachsene und dem Zusammensein mit ihrer jüngeren Schwester Olivia (Merritt Wever) und deren Familie besteht. Während eines Highschool-Treffens wird Sylvia von Saul (Peter Saarsgard) nach Hause verfolgt. Obwohl die beiden nicht sprechen, bleibt er bis zum nächsten Morgen vor ihrem Apartment, schlafend auf einem Reifenstapel.
Ein plötzlicher Wandel: Die Konfrontation mit der Vergangenheit
Nachdem sie Notfallkontaktinformationen in seiner Brieftasche gefunden hat, erfährt Sylvia von seinem Bruder Isaac (Josh Charles) und seiner Nichte Sara (Elsie Fisher), dass Saul an früh einsetzender Demenz leidet. Offensichtlich von der Vergangenheit traumatisiert, lehnt Sylvia zunächst einen Vorschlag von Sara ab, in dem sie dafür bezahlt werden würde, Saul zu pflegen und ihm Gesellschaft zu leisten. Doch nachdem sie entdeckt hat, dass Saul nicht Teil ihrer traumatischen Highschool-Erfahrung war, ändert sie ihre Meinung, und die beiden beginnen vorsichtig, eine Bindung aufzubauen.
Die Schönheit der Erinnerungen: Eine subtile Geschichte
Die Schönheit des Films „Memory“ ergibt sich aus dem Subtext, der in seiner Geschichte eingebettet ist. Sylvia und Saul sind drastisch unterschiedlich, und doch gleichzeitig ähnlich. Während Sylvia von den Erinnerungen, die sie quälen, gelähmt ist, ist Saul von der Last befreit und wird vom Erinnern an die belastenden Situationen, denen er unfreiwillig ausgesetzt ist, entlastet. Dennoch sind sie beide einsam und beraubt des Luxus glücklicher Erinnerungen. Als Folge davon, wenn ihr jeweiliges Familienleben zu leiden beginnt, finden sie sich gegenseitig stützend wieder.
Verpasste Chancen: Die Charakterstudie bleibt oberflächlich
Leider bleibt ein Großteil dieser faszinierenden Untersuchung weit unter der Oberfläche des Films und ist mit bloßem Auge kaum sichtbar. Da diese spezielle Handlung stark von den Erfahrungen abhängt, die diese Hauptfiguren zusammengeführt haben, kann Franco sich nicht dazu durchringen, diese Individuen auf einer echten Ebene zu erforschen. Infolgedessen bietet dieses fragwürdige Opfer Chastain und Saarsgard wenig Substanz, um das, was das Potenzial hat, eine faszinierende Reihe von Charakterstudien zu sein, anzugehen.
Technische Entscheidungen: Eine verpasste Gelegenheit
Anstelle von erzählerischer Tiefe werden uns stagnierende technische Entscheidungen präsentiert, die ebenso unausgereift sind. Filme sollten keineswegs unermüdlich visuelle Risiken eingehen müssen, aber im Minimalfall sollte dieser reduzierte Ansatz engagierend und absichtlich wirken. Doch die relativ zurückhaltende Laufzeit von hundert Minuten von „Memory“ ist aufgebläht mit repetitiven Sequenzen, die sich darauf konzentrieren, wie die Charaktere die Welt physisch statt emotional navigieren, was darauf hindeutet, dass sogar Franco das riesige Potenzial der vorliegenden Parabel nicht erfasst.
Fazit
„Memory“ ist ein Film, der das Potenzial hat, tief in die menschliche Psyche einzudringen und einen Einblick in die Auswirkungen von Erinnerungen auf unser Leben zu geben. Doch leider bleibt der Film auf einer oberflächlichen Ebene und nutzt seine Möglichkeiten nicht voll aus. Trotz der starken schauspielerischen Leistungen bleibt der Zuschauer mit dem Gefühl zurück, dass die Charaktere und ihre Geschichten unvollständig und unausgereift sind. Der Film hinterlässt den Eindruck einer verpassten Gelegenheit, eine faszinierende und tiefgründige Charakterstudie zu liefern.
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